FILM SeelenSchatten

Wissen und Sehen sind nicht das gleiche

Dr. med. Berthold Rothschild, Psychiater

Kommt da eines Tages einer in meine Praxis - nicht als Patient, ein Filmer sei er, und er wolle einen Film über Depressionen machen. Ob ich für dieses Projekt die 'Supervision' übernehmen würde? Ich bin skeptisch: da werden doch dauernd Artikel geschrieben, Interviews gemacht und auch Filme gedreht zu diesem Thema, also schon wieder so ein 'Leidens-Fledderer'? Und was soll denn das mit der 'Supervision'? Der will sich gewiss nur absichern oder seinen Film aufmöbeln und zeigen, dass er fachlich überprüft worden sei. Ich werde bald eines besseren belehrt.

Dieter Gränicher will da nicht nur so schnell etwas abdrehen, sondern er will sich gründlich in die Materie vertiefen, sich viele Monate, wenn nicht gar Jahre Zeit nehmen. Und er will das schwierige Thema 'Depression' eben gerade nicht von Experten definieren und darstellen lassen - seine Informanten sollen Patienten und Patientinnen sein, welche denn auch die wirklichen Experten dieses 'Lebensgefühls der ungewollten Traurigkeit' sind. Und es geht ihm auch nicht in erster Linie um eine Krankheit, sondern um das Erforschen und Nachzeichnen dieser Existenzform, welche von solchen Menschen über lange Phasen erlitten wird. Und 'Supervision' will er, weil er schon bald gespürt hat, dass er in seiner Arbeit nicht einfach 'draussen' bleiben kann, dass sie ihn immer wieder verunsichert und ihn selber psychisch ins Schleudern bringen kann. Ich zweifle aber immer noch: wird es ihm denn überhaupt gelingen, diese in sich gekehrten, der Welt oft den Rücken weisenden Menschen überhaupt für den Zweck eines solchen Filmes zu öffnen, zur Mitarbeit zu gewinnen? Wo wir doch sogar als Ärzte und Fachleute in der Beziehung zu diesen PatientInnen immer wieder und bald an Grenzen stossen und deren verschlossene und manchmal abweisende Haltung lediglich zu ertragen lernen können?

Nach fast zwei Jahren Zusammenarbeit mit Dieter Gränicher bin ich eines besseren belehrt worden. Ihm ist gelungen, was uns oft nicht gelingt: mit den von der Depression geprägten Darstellern seines Films in eine lange und vertiefte Beziehung zu treten. Ihnen (und uns als BetrachterInnen dieses Films) einen vertieften und äusserst differenzierten Einblick zu gewähren in das komplexe Erleben und Erleiden dessen, was man so verallgemeinernd und übergreifend als 'Depression' bezeichnet. Die von ihm gefilmten Menschen zeigen bei genauerem Hinsehen deutlich mehr Verschiedenheiten als Ähnlichkeiten und der medizinische Klammerbegriff 'Depression' wird ihnen und ihrem Leiden oft nicht oder zu wenig gerecht. Ich lerne von ihm, dem 'Spezialisten des Blicks', dass man schwierige Situationen eben nicht nur über das Wissen und die Sprache, sondern über das Schauen, das Hinschauen und im Auge behalten auf eine Weise erfassen kann, die so manches zeigen kann, was man sonst nicht sehen und dann auch nicht erleben würde.

Noch mehr: das Betrachten der Bilder und Szenen führt zwischen dem Betrachter (dem 'Voyeur') und den Betrachteten (dem 'Darsteller') zu einer Gemeinsamkeit, die man in der sog. 'therapeutischen Beziehung' oft nicht oder nur sehr mühsam erreichen kann.

Voraussetzung dafür ist allerdings eine Fairness und ein Verzicht auf das Besserwissen oder Schonwissen, das uns Fachleuten durch Routine oder gar Zynismus oft abhanden gekommen ist. Damit aber wird dieser Film zu einem eigentlichen 'Dokument der Begegnung zwischen Menschen unter erschwerten Bedingungen', der Klammerbegriff 'Depression' tritt zurück und ist nur noch Anlass dieses schwierigen Unterfangens. Und man versteht auch, warum es Dieter Gränicher gelungen ist, auf allerlei Tricks und Gimmicks seines Faches verzichten zu können. Hartnäckig und gekonnt ist er 'partizipierender Beobachter' geblieben und hat dann erst noch, nach unendlich langer Mühsal, diesen wunderbaren Film daraus entstehen lassen.